Ein „Leuchtturm im Wirrwarr“: Interview mit Johannes Seiser

15 Jahre besteht der exklusive Fachinformationsdienst „Verein & Vorstand“ aktuell nun. Und fast genau so lange, seit dem 1. April 2004, ist dieser Mann dabei: Johannes Seiser. Auch in dem Verein für Sozialarbeit (VfS) ist er seit seiner Gründung im Jahre 1987 engagiert und später sogar Vereinsvorstand geworden – und bis heute geblieben. Der Verein versteht sich selbst als „soziales Dienstleistungsunternehmen“ für benachteiligte Kinder, Jugendliche, junge Mütter als auch Väter und generell Familien im Großraum München.

Dass Herr Seiser auch – oder vor allem gerade – nach der ganzen Zeit im Vereinsleben mit ganzem Herzen bei der Sache ist, merkt man ihm direkt an. Für ihn ist die Arbeit als Vereinsvorstand eben nicht nur Arbeit, sondern viel eher ein persönliches Anliegen, jeden Menschen unabhängig von Weltanschauung, Nationalität und Kultur zu respektieren und ihm da zu helfen, wo Hilfe benötigt wird.

Dass einem der Wunsch zu Helfen aber manchmal schwerer gemacht wird als nötig, hat auch Herr Seiser in den vergangenen Jahrzehnten erlebt. Immer neue Gesetzesänderungen, Vorschriften, Gerichtsurteile und, und, und. Sein Lebensmotto laut eigener Aussage ist „Wir geben nie auf – und wenn, dann nur ein Packerl!“.

Wie er das seit 32 Jahren in seiner Tätigkeit im Verein geschafft hat, berichtet er uns im folgenden Interview.

Röcken: Hallo Herr Seiser! Ich habe richtig verstanden: Sie engagieren sich in einem sozialen Verein?

Seiser: Genau, der Verein für Sozialarbeit aus München ist vollständig im Bereich des Sozialen unterwegs. Schwerpunktmäßig im Bereich SGB Acht, also vor allem Kinder und Jugendliche, aber auch quartierbezogen auf Nachbarschaftsprojekte zum Beispiel und im Bereich Bildung.

Röcken: Ich habe letztens in meiner Kanzlei mit einem Verein aus Berlin zusammengearbeitet, der sich auch mit der Jugendsozialarbeit beschäftigt. Die hatten im speziellen Fall gerade mal wieder das Problem mit dem Thema „Zuwendungsrecht“. Kennen Sie diese Herausforderungen mit dem Zuwendungsrecht auch aus Ihrem Vereinsalltag?

Seiser: Ja, in dem Zuge ist bei uns vor allem das sogenannte Besserstellungsverbot ein ständiges Thema, das die öffentliche Verwaltung immer wieder vor uns hertreibt. Hier werde ich aber genauso immer wieder mein Mantra vortragen, dass es auch ein Schlechterstellungsverbot gibt für die öffentliche Verwaltung gegenüber den freien Trägern.

Im Rahmen des Subsidiaritätsprinzips werden Aufgaben, die eigentlich die Verwaltung zu leisten hätte an uns übertragen. Und damit ist es im Endeffekt doch so: Wir als Verein für Sozialarbeit erledigen Pflichtaufgaben der Kommunalverwaltung. Soweit so gut. Aber in dem Zusammenhang sollte doch auch folgendes klar sein: Entsprechende Fördermittel und sonstige finanzielle Zuwendungen sollten für uns genauso bemessen werden, wie beispielsweise für die Landeshauptstadt München, wenn sie selbst für diese Pflichtaufgabe tätig ist.

Und da öffnet sich die Schere zwischen Realität und Wunsch ziemlich. Seitens der öffentlichen Verwaltung haben wir da eine ziemlich breite Diskussion, die nicht nur uns als Verein, sondern sämtliche andere Träger aus dem freien Bereich beschäftigt.

Röcken: Das Zuwendungsrecht wird ja auch immer wieder in „Verein & Vorstand aktuell“ behandelt. Wenn Sie auf die letzten 15 Jahre zurückblicken, für welche Themen interessieren Sie sich denn besonders?

Seiser: Allgemein gesagt natürlich vor allem die rechtlichen und administrativen Anforderungen an einen Verein im sozialen Bereich. Da interessiert mich gerade über einen so langen Zeitraum wie die 15 Jahre, welche wichtigen rechtlichen Veränderungen oder komplett neue Gesetzeslagen es hier gibt. Da ist der Themenbandbreite heute keine Grenze mehr gesetzt – egal, ob es dabei um das Steuerrecht, die Gemeinnützigkeit, die Haftung oder zum Beispiel die Datenschutzgrundverordnung im letzten Jahr geht.

Denn auch wenn unser Verein eine sogenannte Funktionsstruktur hat: Wir sind immer noch ein e. V., also haftet bei uns auch der Vorstand! Gerade für solche Herausforderungen ist „Verein & Vorstand aktuell“ ein guter, ich nenne es mal, „Leuchtturm“ in diesem Wirrwarr von Rechtsprechungen. Denn auch nach all der Zeit, die ich im Verein verbringe: Das deutsche Vereinsrecht schläft nicht.

Röcken: Die Anforderungen sind wirklich in den letzten Jahren unheimlich gestiegen. Gestern Abend noch habe ich mich mit dem Geschäftsführer eines Tafelvereins hierzu unterhalten. Der sagte auch das bei seinem Antritt des Amtes vor knapp 15 Jahren alles noch viel entspannter war. Heute, meint er, könne man eigentlich jeden Tag einen Rechtsanwalt und noch einen Steuerberater neben sich sitzen haben, um auch wirklich alles richtig zu machen. Empfinden Sie das auch so?

Seiser: Ja, auf jeden Fall. Das merke ich bei uns immer wieder. Neben dem erhöhtem Beratungsaufwand in Bereichen wie dem Steuer- oder Gemeinnützigkeitsrecht, steigen hierdurch natürlich auch die dem Verein anfallenden Kosten immer weiter. Und das war noch nicht alles: Bevor wir beispielsweise vor 7 Jahren eine Justiziarin angestellt haben, haben diese rechtlichen Auseinandersetzungen fast ein Viertel meiner Arbeitszeit eingenommen.

Für meine eigentliche Aufgabe, nämlich die Weiterentwicklung und Innovation des Vereins blieb neben den täglichen Alltagsangelegenheiten bald kaum noch Zeit.

Hier muss man als Vorstand dann aber auch frühzeitig den Ernst der Lage erkennen und die Vereinsstruktur konstruktiv anpassen. Hier hat mir „Verein & Vorstand“ damals auch sehr geholfen und gezeigt: Wenn man nur mit dem Alltagsgeschäft beschäftigt ist und den Kopf für die strategische und nachhaltige Innovation des Vereins nicht mehr freihat, bedeutet das schnell den absoluten Stillstand des Vereins.

Röcken: Jetzt haben wir vor allem auf die vergangenen Jahre zurückgeblickt. Was wünschen Sie sich denn für das Vereinsleben für die, sagen wir mal, kommenden 15 Jahre?

Seiser: Die Vereine haben zu beklagen, dass es ihnen immer mehr an engagierten Mitgliedern fehlt, die dann auch immer weniger Verantwortung übernehmen möchten. Das wird gerade durch die sich ständig weiter verschärfende Gesetzeslage zu einem wachsenden Problem.

Ich denke, wenn wir als Gesellschaft wollen, dass uns diese Vereinsstrukturen und damit auch das Ehrenamt in Deutschland erhalten bleiben, sollte das Vereinsleben attraktiver gemacht werden. Der Staat sollte meiner Meinung nach wieder dafür sorgen, dass das Ehrenamt nicht nur mit einem Schulterklopfen gewürdigt wird, sondern auch entschädigt!

Man sollte nicht nur die Schranken im Vereinsrecht erweitern, sondern auch die Entschädigungsregelungen an die heutige Zeit anpassen. Natürlich geht es dabei auch um die Ehrenamtspauschale, aber es muss nicht immer nur Geld sein. Gewisse Vergünstigungen für ehrenamtlich Engagierte, wie zum Beispiel eine Ehrenamtskarte wären bereits ein schöner Anreiz.

Hier wünsche ich mir für die Zukunft eine deutliche Veränderung, die der Staat aktiv an unsere Gesellschaft kommuniziert.

Die wichtigsten Vereinsordnungen
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